Erstmals veröffentlicht am
01.10.2015

Osterhof – Wendepunkt und Entwicklungsraum

Jubiläumsrede zum 50-jährigen Bestehen

Martin Schmid

Leiter der Einrichtung
Dipl.-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker

Ich möchte mit meinem Beitrag die Eckpunkte der Arbeit des Osterhofs heute skizzieren. Anschließend wird Ihnen aus der Gründungszeit des Osterhofs berichtet, bevor Sie in den beiden Beiträgen danach auf ganz besondere Weise einen Einblick in die Arbeit und die Wirkungen des therapeutischen Milieus im Osterhof bekommen werden.

Wir nehmen im Osterhof Kinder im Alter zwischen 3 und 12 Jahren auf, bei denen die psychische und emotionale Entwicklung ins Stocken geraten bzw. bereits entgleist ist. Diese Entwicklungsbeeinträchtigungen haben zu schweren Belastungen der kindlichen Psyche und des Befindens geführt und manifestieren sich in Beziehungsschwierigkeiten in der Weise, dass die Integration ins soziale Umfeld nicht mehr möglich ist, trotz ambulanter oder klinisch-stationärer Hilfen. Die Arbeit im Osterhof soll die Entwicklung wieder in Gang setzen, im engen Zusammenwirken mit den Eltern, mit dem Ziel der Reintegration ins Elternhaus. Ist kein rückkehrfähiges Elternhaus vorhanden, werden für die Kinder mit Hilfe des Jugendamtes Ersatzfamilien gesucht und die Integration dorthin von uns begleitet. Der Osterhof versteht sich daher seit jeher als „Brücke zur Familie“.

Ich möchte Ihnen nun das Gebilde Osterhof ein wenig beschreiben: Das Wesen des Osterhofs kann durch seine Räume charakterisiert werden: Zunächst sind es die sichtbaren äußeren Räume. Mit einem Schwarzwaldhaus, unserem „Waldhaus“, begann die Arbeit des Osterhofs, genau heute vor 50 Jahren am 01. Oktober 1965. Ich selbst war damals 8 Jahre alt und ich bin froh, dass Sie im Anschluss an meine Ausführungen aus erster Hand über diese Anfangszeit von meinem Vater berichtet bekommen.

Nähert sich heute, 50 Jahre später, der Besucher dem Osterhof, so sieht er 11 Häuser, die sich hier am Waldrand um einen Berg gruppieren. Betritt der Besucher das Gelände, so wird schnell ein Binnenraum, ein Osterhofklima erlebbar, mit einem von außen gar nicht vermuteten großen Spielgelände, welches durch ein etwa 200 Meter langes Sträßlein verbunden ist. Dazu gehört auch unser Stall mit den Tieren.

Dann öffnen sich die sichtbaren Innenräume: Es gibt die Gruppenhäuser, Holzhäuser mit großen Dächern, Wohnzimmern mit offenen Kaminen und gemütlichen Esszimmern mit großem runden Tisch und andere gemeinschaftliche Räume. Die Kinder leben in Einzel- oder Zweierzimmern. Die Betten sind als Kojen ausgebaut, mit einem so genannten „Geheimfach“ für jedes Kind, eigenem Licht und Vorhang davor.

Unser Besprechungshaus stellt eine Reihe von Räumen für die Arbeit mit Eltern und anderen Institutionen, sowie unseren internen Austausch zur Verfügung.

Hier im Therapie- und Gemeinschaftshaus, in diesem großen Saal, in dem wir uns heute befinden, gibt es Raum für bewegungstherapeutische, sportliche, musische, gemeinschaftliche und fachliche Veranstaltungen; einen Stock tiefer ist unser heilpädagogischer Kindergarten untergebracht, daneben gibt es Einzel- und Gruppentherapieräume, in denen heilpädagogische Spieltherapie, tiefenpsychologisch fundierte Kunsttherapie, analytische Einzeltherapie, heilpädagogische Entwicklungsförderung, musik- und bewegungstherapeutische Angebote, kreatives Arbeiten in der Holz- und Tonwerkstatt, logopädische Behandlungen u. a. gezielt angeboten werden. Unsere Reittherapeutin hat im Tierhaus ihre Räume und ihren Wirkungsbereich.

300 m vom Osterhof entfernt ist unsere Heimschule, mit ihren kleinen Klassen, die in der ehemaligen Heselbacher Mühle untergebracht ist, mit einer großen Insel in der Murg. Dieser Lernort ist wie eine Werkstatt in der individuell geprobt, experimentiert und gefördert wird.

Ich beschreibe diese physischen Räume, weil wir wissen, dass die äußere Gestalt, die Architektur, auf die hier lebenden Menschen und damit auf unsere Arbeit signifikante Auswirkungen hat. So zeigen neuere Untersuchungen, etwa des Hirnforschers Gerald Hüther, dass bei sehr unruhigen Kindern (mit sogenanntem ADHS) ein ruhiges und überschaubares, in die Natur eingebettetes Lebensumfeld zu einer hirnorganischen Nachreifung und psychischen Gesundung beiträgt. Hüther fordert daher: Alm statt Ritalin! Wir sagen: Osterhof statt Ritalin. Ich komme nachher noch einmal auf diesen Aspekt zurück.

Und jetzt, nachdem ich die äußere Gestalt kurz dargestellt habe, komme ich zu dem, was den Osterhof vor allem charakterisiert, nämlich seine psychischen Räume. Diese sind im Besonderen die Beziehungsangebote der therapeutischen Bezugspersonen, die einen Entwicklungsraum für Kinder zur Verfügung stellen. Diese intensiven Beziehungsangebote entstehen insbesondere dadurch, dass die therapeutischen Bezugspersonen mit den im Osterhof betreuten Kindern zusammenleben. Das heißt, dass in jedem Gruppenhaus durchschnittlich drei Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter leben, dort ihren Lebensmittelpunkt haben – mit ihren Privaträumen. Dieser Aspekt der intensiven, stabilen und exklusiven Beziehungsangebote im Rahmen einer therapeutischen Wohngemeinschaft ist der zentrale Eckpfeiler unserer Arbeit – und zwar seit 50 Jahren! Solche therapeutischen Beziehungsangebote sind gerade in Zeiten, in denen Bindungsstörungen als Grundlage vielfältiger Hilfebedarfe erkannt werden, ganz aktuell. Diese konzeptionelle Ausrichtung hat also Kontinuität seit dem 01. Oktober 1965 und stellt, ergänzt durch gezielte einzel- und gruppentherapeutische Angebote, die Grundlage für die angestrebten Entwicklungen dar.

Ich möchte diesen Gesichtspunkt noch etwas genauer beschreiben: Häufig konnten Kinder schon in frühen Jahren nicht ausreichend sichere Bindungserfahrungen machen. Manchmal konnten ihre frühen Bedürfnisse nicht befriedigt und deren Wünsche nur in sehr unzuverlässiger Weise beantwortet werden oder Trennungs- und Verlusttraumen, Misshandlungserfahrungen und emotionale Deprivation haben Bindungstraumata entstehen lassen. Diese Kinder sind häufig in ihrer Individualität, ihrer Einzigartigkeit oder auch in ihren Ängsten und Belastungen ungesehen und unerhört geblieben; sie konnten in ihrer Befindlichkeit und in ihrer Lebensentfaltung nicht ausreichend verstanden werden; sie haben nicht die Rückmeldungen bekommen können, die zu einer gesunden psychischen Entwicklung mit einem stabilen Selbstbild notwendig gewesen wären. Ein in dieser Weise irritiertes Kind äußert dann laut seine Wut und Angst, es schreit, es ist dagegen und widersetzt sich, es drangsaliert seine Umwelt und ist desorganisiert; oder es kommt zu umfassenden Rückzügen mit Entwicklungsstillständen, sprachlichem Verstummen, betäubter Emotionalität bis hin zu suizidalen Phantasien.

Ein wesentlicher Aspekt unserer heilpädagogischen und therapeutischen Arbeit im Osterhof ist daher, den Kindern ganz verlässliche und gleichbleibende Beziehungsangebote zu machen, mit neuen, korrigierenden Erfahrungen, die, wenn sie lange genug andauern und heilpädagogisch wirken, zu Beruhigung der Symptomatik und neuer Sicherheit führen. Die Kinder erleben es dabei als große Verlässlichkeit, dass ihre Bezugspersonen immer da sind – auch nachts – und auch in der – selbstverständlich geregelten – Freizeit der Mitarbeiter bleiben sie für die Kinder als Teil der Hausgemeinschaft präsent.

Ich selbst lebe seit nahezu 28 Jahren mit meiner Familie mitten im Osterhof, meine 4 Kinder sind hier groß geworden und haben ihre Heimat im Osterhof, auch jetzt, nachdem sie in vier verschiedenen europäischen Städten studieren bzw. tätig sind. Diese Form des Lebens und Arbeitens funktioniert dann, wenn sie auch von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als bereichernd, kreativ und entwicklungsfördernd erlebt wird. Dies hat dann wieder eine sehr positiv-befruchtende Wirkung auf den Dialog und die Verbundenheit mit dem Kind.

Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist dabei das tägliche gemeinsame Nachdenken über die Bedeutung dessen, was das Kind in seinen Konflikten und Symptomen seelisch über sich vermittelt und was dann auch in den ausgelösten Gefühlen und Gedanken der Bezugspersonen (Gegenübertragungreaktionen) seinen Widerhall findet.

Dieses emotionale und affektive Erleben der Bezugspersonen zuzulassen und zu verstehen, ist immer wieder Schwerarbeit, erfordert ein vertrauensvolles Sich-Öffnen bei den Mitarbeitern und ermöglicht neues Verstehen – auch über uns selbst. Alle Osterhof-Mitarbeiter sind in der Grundhaltung verbunden, einen immer wieder und gemeinsam gelingenden Zugang zur inneren Situation des Kindes zu suchen und dies auf dem Hintergrund seiner individuellen Erfahrungen und seiner Familiengeschichte zu begreifen. Bei den Kindern führt dies zu einem Gefühl der Resonanz und des Verstandenwerdens.

An dieser Stelle kann ich mit großem Stolz sagen, dass ich in einem Team von sehr engagierten, kompetenten, sich persönlich ein bringenden Kolleginnen und Kollegen arbeite. Die Kräfte die dabei zusammenkommen, sind immer wieder sehr belastbar und ermöglichen auch schwierigste Prozesse zu tragen und Entwicklungsräume zu eröffnen, die einen Wendepunkt markieren. Auch bei hoffnungslos erscheinenden Konstellationen, ohne zunächst erkennbaren Ausweg!

Mehr als 50 % der Kinder, die in den Osterhof kommen, er halten vor ihrer Aufnahme Medikamente, die auf ihr Verhalten und Befinden einwirken sollen. Grundsätzlich versuchen wir nach der Aufnahme eines Kindes die Medikamente abzusetzen. Sie werden fast ausnahmslos überflüssig (zuletzt bei einem 4 1/2-jährigen Jungen, den wir vor 2 Wochen hier aufgenommen haben). Dies ist übrigens keine grundsätzliche Kritik an denjenigen, die diese Medikation verabreichen oder verschreiben: Es ist vielmehr ein Hinweis darauf, welche Auswirkungen die intensiven Beziehungsangebote haben, welche den Kindern hier bei uns in der Dichte der Beziehungsgemeinschaft gemacht werden können. Eine verstehende, einfühlende und resonanzgebende Verbindung in sicherheitsgebundenen Strukturen beruhigt! Das kennen wir alle auch bei uns selbst.

Die angestrebte Veränderung beim Kind ist, wie Sie selbstverständlich alle wissen, ein langwieriger Prozess. Er muss oft mikroskopisch beobachtet werden, damit feine Ansätze, die sich zaghaft, manchmal ängstlich andeuten, gesehen und adäquat beantwortet werden können. Dann entsteht ein neuer Entwicklungsraum.

Nun gilt es noch einen weiteren psychischen Raum zu beschreiben: So, wie für die Kinder ein dialogischer, verstehender Raum entsteht, so gibt es ihn begleitend auch für die Eltern. Für deren oft unverstandene Nöte, deren Scham und Schuldgefühle über den nicht gelingenden Entwicklungsprozess ihres Kindes und den sich daraus ergebenden Verstrickungen. Eltern sind oft grundlegend verunsichert.

Die Eltern kommen zu regelmäßigen Wochenendbesuchen in den Osterhof. Dabei stehen ihnen auch Räume, nämlich Elternappartements mit Bad/WC, kleiner Küche und Terrasse kostenfrei zur Verfügung. An diesen Wochenenden besuchen sie ihr Kind, unternehmen gemeinsam etwas, erleben sich miteinander in einem entspannten oder zumindest entspannteren Klima. Daneben gibt es an diesen Wochenende Zeit für Gespräche, für das gemeinsame Nachdenken über die Beziehungen der Eltern oder des Elternteils zu seinem Kind. Dabei werden für die Eltern oft erstmals verstehbare Zusammenhänge zwischen der eigenen Lebensgeschichte, ihrer Lebenskonstellation und der Verbindung zu ihrem Kind erkennbar. Nicht selten begleiten heftige affektive Reaktionen bei den Eltern das Deutlich-Werden eigener schmerzlicher Erfahrungen.

Im Osterhof trennen wir ganz bewusst die direkte Arbeit mit den Kindern und die Zusammenarbeit mit den Eltern. Es ist meines Erachtens eine Überforderung, wenn Kolleginnen / Kollegen, die mit einem Kind sehr dicht zusammenleben, seine Nöte und sein Alleingelassensein spüren oder traumatische Erfahrungen des Kindes reinszeniert erleben, dann auch den Eltern verstehend und annehmend gegenübertreten sollten. So gibt es für die Eltern einen eigenen Raum, in dem an ihren inneren Konflikten, ihren Traumatisierungen und Enwicklungshürden gearbeitet werden kann. Hier können auch die zum Teil heftigen Affekte gegenüber dem eigenen Kind aufgenommen (containt), verstanden und durch den Therapeuten verstoffwechselt in den therapeutischen Prozess eingebracht werden. Gleichzeitig werde für Eltern regelmäßig neue Freiräume erlebbar, die ein verändertes Zugehen auf das eigene Kind (das meine ich im doppelten Sinn des Wortes, nämlich die entdeckten kindlichen Aspekte bei sich selbst und bei ihrem Kind) ermöglichen. Der Veränderungsprozess beim Kind wird durch diese Arbeit wiederum nachhaltig begünstigt.

Diese strikte Trennung erscheint nicht selten als die einzige Chance, den Teufelskreis zwischen Eltern und Kind zu unterbrechen. Sie führt also zu einem ausreichenden Schutz und zu Entwicklungsräumen sowohl für die Eltern als auch für das Kind. Damit dies nicht unverbunden nebeneinander steht, bedarf es einer sehr intensiven Teamarbeit, die eine Verzahnung der Entwicklungs- und Verstehensprozesse herstellt.

Ich könnte Ihnen zu allen Aspekten, die ich jetzt skizziert habe, praktische Beispiele der Veranschaulichung darstellen. Wie eingangs erwähnt, habe ich mich aber auf eine skizzenhafte Darstellung begrenzt.

Abschließend möchte ich noch einmal zusammenfassen:


Das Zusammenwirken vieler Faktoren, die ich hier Räume genannt habe, ergeben ein Entwicklungspotential für Kind und Eltern, der einen Wendepunkt der kindlichen und familiären Beziehungen möglich macht. Eltern und Kinder können meist nach durchschnittlich 24 Monaten im Osterhof wieder zusammenleben. Bei einem ganz kleinen Teil der hier betreuten Kinder stellt sich heraus, dass sie sich nicht mehr auf Familie einlassen können. Ihre Erfahrungen der ersten Lebenszeit lassen die Institution Familie als Ort des Lebens so gefährlich erscheinen, dass eine Integration dorthin nicht mehr gelingt. Für diesen kleinen Kreis von Kindern ist vor 14 Jahren unser Drei-Generationen-Haus Igelsberg entstanden.

Zu allerletzt ist es mir ein Anliegen, wenigstens in einem Satz all diejenigen zu erwähnen, die unsere Arbeit vertrauensvoll be gleiten, unterstützen und teils aktiv mittragen. Es sind dies eine ganze Reihe von Kooperationspartnern, insbesondere die Jugendämter, aber auch Schulen, Kliniken und Beratungsstellen, mit denen uns langjährige Zusammenarbeit verbindet. Stellvertretend möchte ich der Leiterin des Jugendamtes Freudenstadt, Frau Orzschig, sowie dem Leiter des Landesjugendamtes Herrn Kaiser, für das Vertrauen und die fachliche Begleitung über Jahrzehnte danken!

Ich freue mich, dass auch alle örtlichen Schulen heute vertreten sind, insbesondere unsere sogenannte „Dorfschule“, mit der seit 50 Jahre Integration unserer Kinder in die Regelschule gelingt! Lange bevor „Inklusion“ ein hohes Ziel wurde, ist in dieser Kooperation die Rückkehr von Kindern in ein allgemeines soziales Umfeld 100-fach erfolgreich praktiziert worden. Wir fühlen uns Ihnen kollegial eng verbunden.

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