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Heilpädagogisches Reiten

Ein Beitrag zur ganzheitlichen Therapie

Ulrike Buntz

Dipl.-Sozialpädagogin (FH), Dipl.-Reitpädagogin

Der therapeutische Ansatz des Osterhofs ist ganzheitlich. Seelische und körperliche Symptome werden als Ausdruck des Krankheitsgeschehens eines ganzheitlich erlebten Menschen wahrgenommen, und das heilpädagogische Reiten bietet zur Bewältigung der zugrundeliegenden Konflikte eine wichtige Ergänzung. Bekanntlich ist es der Wunsch vieler Kinder, ein eigenes Pferd zu besitzen, es sind auffallend häufig Mädchen. Das Pferd verkörpert zum einen gesunde Vitalität, zum anderen Autonomie und Freiheit, die jedoch ihre natürlichen Begrenzungen finden. Pferde sind Lebewesen, welche in ihrem Verhalten konstant und verlässlich sind, aber auch ein feines Gefühl für Stimmungen besitzen. Sie sind einfühlsam und rücksichtsvoll, aber nicht unbegrenzt. Auf falsche Behandlung reagieren sie unruhig, auch ungeduldig oder ängstlich-scheu. Diese Tatsache zwingt zur genauen Beobachtung, aber auch zum angemessenen Handeln und Reagieren. Pferde sind zudem zurückhaltend, sie biedern sich nicht an, oder überschreiten gar Grenzen. Diese Eigenschaft ist für distanzlose, aber auch verschlossene, traumatisierte oder in ihrem Vertrauen gestörte Kinder sehr wichtig, denn dadurch werden sie motiviert, auf das Pferd zuzugehen.

Behutsames Kennenlernen – eine Beziehung aufnehmen und dabei Wünsche des Gegenüber wahrnehmen.

Wegen des ganzheitlichen Ansatzes beim heilpädagogischen Reiten ist – wie zuvor erwähnt – die Gefahr gering, ein Kind lediglich als Summe seiner Störungen wahrzunehmen oder es gar darauf zu reduzieren. Wie heilpädagogisches Reiten im Osterhof angewandt wird, um geistige und seelische Bereiche eines Kindes anzusprechen, soll an einem Beispiel aufgezeigt werden:

Amelie war als zweite von drei Schwestern in einer Familie aufgewachsen, in der Gewalt, Sucht und offen ausgelebte Sexualität zum Alltag gehörten. Vor etlichen Jahren hatte die alkoholkranke Mutter die Kinder einfach beim Vater zurückgelassen. Vor, aber auch nach der Scheidung der Eltern, waren grundlegende Bedürfnisse wie Essen oder Sauberkeit nicht ausreichend gestillt worden, auch kannte Amelie keine konstante Zuwendung. Als das Mädchen mit 9 Jahren zu uns in den Osterhof kam, gab es mittlerweile eine junge Stiefmutter mit zwei weiteren kleinen Kindern. Aber weder konnte sie diese versorgen, geschweige denn, für die Großen mütterliche Bezugsperson sein. Neben einem verwirrenden Wechsel von Bezugspersonen gab es innerhalb der Familie auch keine klaren Generationengrenzen.

Amelie kam mit großen Auffälligkeiten in den Osterhof: Sie war minderwüchsig, was nachweislich seelisch bedingt war und hatte ein verhärmtes, altes Gesichtchen. In der Schule war sie zwar vordergründig angepasst, verweigerte aber häufig die geforderten Leistungen. Außerdem fiel sie durch Stehlen, Lügen und extrem sexualisiertes Verhalten auf. Amelie war auffallend ungepflegt und erzählte ihrer Lehrerin gelegentlich von schlimmen Albträumen. Anfänglich erstarrte Amelie und erschrak, wenn sie in ihrer Gruppe lediglich angesprochen wurde. Andererseits trug sie viel Unruhe und Streit in die Gruppe, konnte keine Beziehungen halten und sich in kein Spiel einlassen. Alles Gute musste sie schlecht machen oder sogar zerstören. Abschiede fielen ihr schwer, und sie wurde dabei fahrig und unruhig erlebt. Den ständigen Wechsel von Bezugspersonen hatte Amelie offensichtlich extrem verwirrend erlebt, und sie wusste nicht mehr, wo sie eigentlich hingehörte. Es existierte keine Gruppe mehr, in welcher sie sich als wertvolles Glied erleben konnte, und sie hatte keinerlei Selbstwert. In ihr war nur depressive Leere, welche sie mit ihren Symptomen zu bewältigen suchte.

Bereits im ersten Gespräch mit Amelie wurde der Reitpädagogin deutlich, dass es hier um eine extreme emotionale Bedürftigkeit ging. Angesagt waren also Ruhe, Entspannung und Gewähren-lassen. Amelie war von ihren Beziehungspersonen nie wirklich gesehen worden, darum sollten ihre Äußerungen, wann immer dies möglich war, aufgegriffen und ihre Wünsche in die nächsten Therapiestunden einbezogen werden.

Aus der Lebensgeschichte war der Reitpädagogin auch bekannt, dass mit Amelie recht grob umgegangen worden war. Das Mädchen nahm darum nur wenig Rücksicht auf sich selbst, aber auch nicht auf andere. Um dieses Verhalten zu verändern, sollten die Pferde beobachtet und Wahrnehmung geübt werden. Sollte Amelie mit dem Pferd Chica grob werden, würde ihr sanft aber nachdrücklich gezeigt werden, wie es anders geht. Aus diesen Notwendigkeiten heraus wurden die ersten Ziele entwickelt: Amelie sollte ihr Reitpferd Chica als Gegenüber verstehen und Chicas Stimmungen sollten charakterisiert und beschrieben werden.

Amelie untersucht das Pferd – eine Aufgabe, die sie gerne übernahm.

Die rechte Einschätzung von Nähe und Distanz kannte das Mädchen nicht. Das konnte Amelie jetzt mit einem Wesen erproben, welches nichts von ihr wollte und – wie anfangs erwähnt – sich nicht anbiederte oder gar Grenzen überschritt. In den ersten Stunden erforschte Amelie den Pferdekörper, um Zutrauen zu Chica zu gewinnen und dabei das zu finden, was sie an körperlicher Nähe ersehnte. Ihre distanzlose Art, sich körperliche Kontakte von jedem Menschen zu holen, hatte immer wieder zu Enttäuschungen geführt. Bei dem 9-jährigen Mädchen, dessen Bedürfnis nach körperlicher Nähe unendlich groß war, konnte es natürlich nicht darum gehen, die ungestillten Bedürfnisse auch nur annähernd zu befriedigen, für Schmusen und Kuscheln war von jetzt an Chica zuständig. Amelie tastete den Pferdekörper nach harten, weichen oder besonders warmen Stellen ab, suchte verschiedene Arten von Haaren am Fell, Mähne, Schweif zu unterscheiden. Amelie konnte so auch die Größe des Pferdekörpers erfassen, mit der eigenen vergleichen und das Pferde mit allen Sinnen erleben. Bei dem Geführtwerden im Schritt konnte Amelie die Bewegungen Chicas bewusster wahrnehmen und zur Ruhe und Entspannung kommen, dabei das Getragen- und Geschaukeltwerden intensiv genießen. Durch Miteinander-in-Bewegung-Sein konnte sich Amelie immer besser in die Bewegungen Chicas einfühlen und auf dem Pferderücken sicherer werden.

Amelie hatte oft Phantasiegeschichten erzählt, sich auf diese Weise die Welt phantastisch verändert und die Leere in ihrem Leben überspielt, denn sie wollte auch wer sein. Im Rahmen der Reittherapie konnte sie jetzt reale außergewöhnliche Dinge erleben, mit denen sie sich hervorheben konnte. Sie musste keine bedeutenden Eltern erfinden, es ging jetzt um echte Abenteuer mit Chica, um die sie beneidet wurde. Bei geführten Spaziergängen durch den Wald erlebte Amelie erstmalig, wie stolz es sie machte, Schwieriges gemeinsam zu meistern. Bei einfachen Geschicklichkeitsübungen konnte sie Mut zeigen, etwas leisten, und sie erlebte auch, welche Freude es machte, für Chica etwas Gutes zu tun, sich einmal für sie anzustrengen. Hatte sie doch nie gelernt, auf einen anderen Menschen einzugehen, etwas für ihn zu tun. Indem sie Chica pflegte, trug sie ihren Teil dazu bei, dass es dem Pferd gut ging, und durch Putzen, durch Waschen von Mähne und Schweif das Pferd verschönerte.

Spüren – wahrnehmen – Eindrücke aufnehmen.

Amelie kam zweimal wöchentlich in die Reitstunde. Von Anfang an zeigte sie bemerkenswerte Fähigkeiten beim Beobachten der Pferdegruppe, nahm vieles blitzschnell wahr und überraschte manches Mal durch originelle Kommentare („die Pferde reden ja mit dem Bauch“). Dass Chica, die neu in die Gruppe der Pferde dazu-gekommen war, zunächst von den beiden anderen Stuten abgelehnt wurde, half Amelie dabei, sich mit dem verstoßenen Pferd zu identifizieren. Als sie später Chicas Verhalten gesondert beobachtete, konnte sie nach einiger Zeit ihre Reaktionen und Stimmungen bestens einschätzen. Außerdem bemerkte Amelie recht bald, dass Chica unwillig und ärgerlich reagierte, sobald sie grob am Führstrick zog oder das Pferd unangemessen berührte. Am Ohrenspiel des Pferdes, dem Kopfhochreißen oder am Abwenden konnte sie dies erkennen. Beeindruckend war im Laufe der Zeit die Veränderung von Amelies Verhalten bei der Begrüßung Chicas bzw. der anderen Pferde. Anfangs war Amelie distanzlos auf diese zugegangen und hatte sie einfach umarmt, als seien es große Kuscheltiere. Bald konnte sich Amelie in der Situation angemessener verhalten. Sie ging auf Chica zu, blieb in einiger Entfernung stehen, bis sich diese ihr zuwandte, und erst dann ging sie nah zu ihr hin. Ihr verändertes Verhalten zeigte sich besonders deutlich, als sie das acht Tage alte Fohlen Wickie begrüßte. Behutsam ging sie auf es zu, kraulte es, wobei sie genau auf dessen Signale achtete (Bild 1). Amelie hatte gelernt, eine Beziehung aufzunehmen und gleichzeitig die Wünsche des Gegenübers wahrzunehmen und auf sie einzugehen.

Die Abschiedssituationen am Ende der Reitstunden waren anfangs recht schwierig. Amelie hatte nie zuverlässige Bezugspersonen erlebt und verinnerlichte, dass Trennungen von großen Ängsten begleitet werden. Mit der Zeit begriff Amelie, dass Abschied nicht realen Verlust bedeuten muss, sondern dass uns eine Verbundenheit mit inneren Bildern vom anderen Trennungen aushalten lässt. In den ersten Stunden reagierte Amalie nervös und angespannt und musste regelrecht weggeschickt werden. Dies veränderte sich erkennbar: Sie verabschiedete sich ruhig und entspannt, redete noch ein wenig mit dem Pferd und konnte sich in gelöster Stimmung trennen.

Die ersten Wahrnehmungsübungen begannen das Mädchen rasch zu langweilen. Wegen ihres geringen Spannungsbogens wollte sie ständig Neues erleben. Dennoch bemühte sie sich brav und angepasst jede Aufgabe zu erfüllen, blieb dabei innerlich beteiligt. Ihr Verhalten veränderte sich nach einigen Stunden: Es wurde Amelie wichtig, das Pferd genau zu untersuchen (Bild 2). Sie blieb mittlerweile länger bei einer Aufgabe. So verblüffte sie ab und zu durch ihre Fähigkeit, differenziert zu spüren, wahrzunehmen und Eindrücke aufzunehmen (Bild 3). Auch die Zeitspannen, in denen sich Amelie aufs Pferd legte und dort zur Ruhe kam (Bild links) wurden immer länger.

Führübungen wurden geplant, aber sie scheiterten, weil Amelie den Führstrick nicht ruhig halten konnte und schnell in ungesteuertes Ziehen und Zerren verfiel. Aber sie durfte das Pferd ab und zu am zweiten Strick mitführen. Dabei lernte sie, wie notwendig es sein kann, manchmal eine längere Leine zu lassen und so dem anderen Freiraum zu gewähren. Diese geführten Spaziergänge durch den Wald waren für Amelie absolute Höhepunkte. Manch umgestürzter Baumstamm musste umgangen oder überklettert werden. Diese kleinen Abenteuer machten ihr großen Spaß. Bei diesen Gelegen-heiten berichtete sie auch von Ängsten, Befürchtungen und schlimmen Begebenheiten, die sie aus Loyalität dem Vater gegenüber bislang nicht hatte sagen dürfen. Erst im geschützten Rahmen der Reittherapie konnte sie diese Begebenheiten äußern, ohne sich des Verrats am Vater schuldig zu machen.

Nachdem Amelie einmal gelernt hatte, wie wichtig regelmäßiges Säubern der Hufe ist, wollte sie diese Aufgabe zu Beginn jeder Reitstunde erledigen. Beim Hufeauskratzen brauchte Amelie allerdings bis zuletzt Hilfe. Auch beim „Schönmachen“ von Chica war Amelie mit Eifer dabei.

Amelie hatte im Laufe des heilpädagogischen Reitens erlebt, dass man sowohl klein und schützenswert sein kann, als auch groß und selbstbestimmend; man kann von jemandem Gutes bekommen und dennoch autonom für sich entscheiden. Bereits die ersten Stunden hatten wichtige Entwicklungsschritte eingeleitet: Amelie konnte sich besser in andere einfühlen, konnte Nähe und Distanz angemessener einschätzen und Trennungen leichter aushalten. Das heilpädagogische Reiten unterstützt somit wesentlich den ganzheitlichen Ansatz im Osterhof.

Verfasst von Dipl.-Soz.-Päd. Ulrike Buntz (Dipl. Reitpädagogin) und Dr. Hans Hopf

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